Soziale Nachlässe und Denkmäler setzen

von | 6. Mai 2018 | Mein Denkmal

Das Abenteuer Dachboden kann beginnen

Heute habe ich wieder einmal meine 92 jährige Großtante in Bregenz besucht und mit ihr in alten Erinnerungen geschwelgt. Wir sind auf den Dachboden geklettert und haben unsere Familientruhe geöffnet, wo alte Fotoalben und sonstige Erinnerungen einen Platz gefunden haben. Auslöser für das Dachboden-Nostalgie-Abenteuer war eigentlich ein zufälliges Treffen eines Nachbars, der gerade dabei ist ein Haus zu verkaufen, das einmal im Besitz unserer Familie war. Und da sind natürlich sofort viele Fragen aufgekommen. Warum war das Haus einmal im Familienbesitz und ist es jetzt nicht mehr? Was ist damals passiert, dass die Familie das Haus verkaufen musste? Welche Geschichten sind mit diesem Haus noch verknüpft?

Ich wurde ein wenig traurig, wie wenig ich eigentlich über unsere Familiengeschichte Bescheid weiß. Und wie wenig von der Geschichte dokumentiert ist. Meine Großtante ist die letzte Zeitzeugin, die noch diese Geschichten kennt, die ich fragen kann. Aber wie lange noch? Und wie merke ich mir all diese Geschichten? Werden dann meine Kinder diese Geschichten auch noch kennen? Wann werden meine Kinder Zeit finden, dass ich Ihnen die Geschichten erzählen kann? Werden Sie überhaupt Interesse daran haben? Ich sitze gerade im Railjet und fahre von Bregenz wieder nach Wien. Ich sitze da, schau aus dem Fenster. Und stelle mir all diese Fragen.

Alte Schätze und geheime Schlüssel

Es wäre doch schön, wenn wir all diese Geschichten dokumentieren könnten. An einem wertschätzenden Platz. Wo ich meine Schätze liebevoll in einer alten Truhe aufbewahren kann. Und der Schlüssel zum Öffnen dieser Schatztruhe wird von Generation zu Generation weitergegeben. Was wäre wenn diese Schatztruhe noch zusätzlich einen Raum bekommen würde? Eine digitale Schatztruhe mit einem digitalen Schlüssel? Damit nicht das Haus verkauft wird und die Schatztruhe dann von den nächsten Eigentümern einfach entsorgt wird. Frauen entsorgen ihren sozialen Nachlass aus Korrespondenz, Tagebüchern, Aufzeichnungen und Drucksachen noch zu Lebzeiten, um ihren Familien nicht zur Last zu fallen und wenn sie selber es nicht tun, erledigen das häufig die Angehörigen nach dem Tod. Wen interessiert das schon, dieser alte Papierkram. Und vor allem, wer soll denn das viele Papier aufbewahren? In heutigen Wohnverhältnissen meist gleich die allererste Frage. Dazu kommt noch der Zeitdruck, wenn eine Wohnung oder ein Haus nach einem Todesfall geräumt werden muss!

Geschichten auf einer alten Schreibmaschine

Also, zurück nach Bregenz. Zurück auf den Dachboden. Wien muss warten. Meine Großtante war sehr erstaunt, dass ich kaum im Zug schon wieder bei ihr unten an der Haustür Sturm läutete. Ich erzählte ihr meine Ideen. Von geheimen Schatztruhen und verwunschenen Schlüsseln. Von alten Geschichten, die wir für die Nachfahren bewahren wollen. Sie hörte zu. Ich sah wie sie ich freute. Sie freute sich sehr. Dann lächelte Sie. Und zeigte mir, dass sie schon für uns angefangen hat, die Geschichten zusammen zu schreiben. Geschichten über den Krieg. Geschichten über die Familie. Geschichten zu ihren Schmuckstücken. Sie hatte die Geschichten mühsam auf einer Schreibmaschine geschrieben. Mit einer sehr alten Schreibmaschine. Das „a“ war immer etwas nach oben verschoben und stach so richtig ins Auge. Die Blätter waren schon vergilbt. Ich war begeistert. Mir war, wie wenn ich gerade am Ufer des Bodensees eine Flaschenpost mit einer Schatzkarte gefunden hätte.

Die Wächterin der Ahnen

Ich schleppte die vielen Fotoalben vom Dachboden. Und begann sie gemeinsam mit meiner Tante zu lesen. Das ist deine Urgroßmuttter, das ist Tante Else, das ist deine Ur-Großtante. Fasziniert schaute ich auf die alten Bilder. Sie waren alle mit großer Liebe hergestellt. Die Personen darauf festlich gekleidet. Während ich mir überlegte, wie ich die Fotos auf einen USB-Stick oder auf einen Computer digitalisieren sollte, schleppte meine Großtante noch andere Erinnerungsstücke herbei. Ein altes Kleid. Eine alte Brosche. Einen alten Bilderrahmen mit Familienfotos. Ich tauchte ein in eine andere Welt. Voller Wunder. Voller Frauenfotos mit ihren Geschichten. Frauen und ihre Geschichten: Ich fühle mich mit ihnen so eng verbunden. Ich merke, dass sie bei mir sind. Die Ahnen. Und dachte dabei an einen Zeichentrickfilm. Mulan hieß er. War ich der Drache? Die Wächterin der Ahnen? Soll ich Ihnen ein Denkmal setzen?

Alte Fotos digitalisieren

Wie bekomme ich die Fotos jetzt auf meinen USP Stick? Der erste Versuch scheiterte kläglich. Alte Fotos mit einem Handy aufzunehmen war nicht das wahre. Ich bekam aus Wien einen Tipp. Versuch es mit einem Scanner. Also Scanner gesucht und gefunden. Ich begann Bild um Bild und Seite um Seite einzuscannen. Bei Fotos, die die nicht eingeklebt waren, war das einfach das Glas des Scanners. Bei den Fotoalben hatte ich etwas Probleme mit dem Scanner. Die alten Fotoalben waren einfach zu groß für die Oberfläche des Scanners. Da wäre es sehr viel einfacher, wenn ich einen Scanner hätte, den ich direkt auf das Bild im Fotoalbum aufsetzen könnte. Denn alte Fotos heraustrennen? Dann hätte ich das alte Album zerstört. Die gibt es auch, nennt sich Fotoalbum-Scanner. Leider haben diese nicht so eine gute Qualität und sind sehr teuer. Auch beim mobilen Scanner ist die Auflösung nicht so gut. Meistens werden nur Batterien als Stromversorgung angeboten. Aber praktisch sind sie schon, wenn man bei einer Urgroßoma ist, die keinen Drucker besitzt und die Alben nicht hergeben will. Diese Erfahrung habe ich gemacht. Erinnerungsstücke ausser Haus zu geben ist für viele Menschen nicht einfach. Und das verstehe ich auch. Bei Verlassenschaften ist das sicher einfacher, die Erinnerungsstücke professionell mit guten Geräten zu digitalisieren. Ich denke, Mut zur Lücke.

Denkmäler setzen

Wie könnte denn so ein digitales Denkmal, so ein sozialer Nachlass aussehen? Ich denke, jeder wird da seinen Weg finden, wie er es gestalten will. Ich habe in meinen Gedanken immer die Schatztruhe mit dem goldenen Schlüssel. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Folgende Inhalte könnte ich mir vorstellen, dass in den sozialen Nachlässen integriert werden können:
1. Alte Fotos mit einer kurzen Beschreibung der Personen
2. Tagebücher oder Auszüge von Tagebüchern
3. Briefe und anderen Schriftverkehr
4. Videos von Familienfeiern, Ausflügen uvm
5. Interviews von den Eltern
6. Geschichten zu Personen
7. Geschichten zu Gegenständen
8. Briefe an die Kinder
9. Stammbäume und vieles mehr

Es besteht natürlich in den sozialen Nachlässen auch die Möglichkeit, altes Kunsthandwerk u.ä. zu integrieren. Alte Mustervorlagen und Anleitungen können so gesammelt und bewahrt werden.

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